Regina Reim
 

Werkserie "Passacaglia"

In meinem gesamten Werk lote ich die Verbindungen zwischen der Bildenden Kunst, der Musik und dem Tanz aus. Es ist ein Forschen nach den Gemeinsamkeiten und das Entdecken und Überschreiten der jeweiligen Grenzen.

Die langen und dynamischen Erkundungsreisen in der Malerei und in der Druckgrafik mit oftmals entgrenzt wirkenden Bildschöpfungen führten fast zwangsläufig in die dritte Dimension.

Entstanden sind Objekte, die gleich Fabelwesen ein Eigenleben zu führen scheinen. Anmutig, filigran und doch vital und sehr präsent. Eigenständige Gebilde, nicht Malerei, nicht Grafik, nicht Skulptur.

Die klassische, auf schwerem Bütten in 3-Platten-Technik gearbeitete Farbradierung erfährt eine faszinierende Transformation. Einzelne Motive werden mit dem Skalpell aus dem Untergrund gelöst und gehen mit anderen, ebenfalls aus dem Bildgrund gelösten Motiven eine neue, räumliche Verbindung ein. Sie geraten durch diesen künstlerischen Eingriff zu etwas Dynamischem. Dies bedeutet Bewegung. Bewegung geht immer einher mit Raum- und Zeiterfahrung. Es entstehen beinahe unendlich fortsetzungsfähige Variationen, gleich der Vielfalt kosmischer Ereignisse. Dies geschieht als analoger Vorgang zur Naturschöpfung, wenn makro- und mikrokosmische Vorgänge vielfältige Assoziationen zulassen, ohne dass konkret Beschreibendes einfließt. Es geht nicht um die Schöpfung der Welt, sondern um die Beschreibung eines Modells als Ausdruck von Vorstellungen. Die in den Werken lebendig anmutenden Formen sind Ausdruck höchster Freiheit. Sie bleiben offen für individuelle Sichtweisen, für den Reichtum von Gedanken und der Fantasie der Betrachtenden, die damit zur persönlichen Entwicklung und Entdeckung eingeladen werden.

Und hier treffen sich wieder die Analogien von Musik, Tanz und Bildender Kunst. Die "Passacaglia" von Johann Sebastian Bach spiegelt als Grundlage das Gehen (Passacaglia - pasar una calle) in der fortlaufenden, festen Basslinie, über der sich die Variationen üppig entfalten. Diese Musik vermag das Gefühl des Getragenseins und Geborgenseins im großen Kreislauf des Naturschauspiels zu vermitteln. Sie kann als Sinnbild für schöpferische Prozesse gesehen werden. Die Passacaglia lädt ein zum Tanz, zum Erfahren der Zeit und des Raums.

Meine Objekte zu der Werkserie "Passacaglia" sind das Ergebnis eines langwierigen Prozesses des Untersuchens, Entdeckens und Erschaffens. Zugrunde liegt ein sorgfältiger, von zahlreichen Einzelentscheidungen abhängender Prozess. Die organisch wirkenden Formen - aus ihrer Verhaftung befreit - werden zu in den Raum hineinwachsenden Gebilden. Sie haben sich auf den Weg gemacht. Beinahe tänzerisch scheinen sie voran zu schreiten.

Die zuvor erstellten Farbradierungen bilden das Fundament, aus dem sich die bewegt erscheinenden Formen in die 3. Dimension erheben. Leicht und mit deutlicher Präsenz streben sie dem Betrachter entgegen und lassen die Verbindung zwischen Tanz, Musik und Bildwelt einen Höhepunkt erfahren.