"Flächenland"
apk Positionen der Malerei 2005
22.05.2005 bis 19.06.2005
 | Herrenhof Mußbach
 
Arbeiten von Roland Albert, Evelyn Blaich, Arthur Bozem, Otfried Culmann, Stefan Engel, Jochen Frisch, Hans-Heinrich Fusser, Ralph Gelbert, Barbara Giloi, Hermann Theophil Juncker, Erika Klos, Dirk Klose, Charlotte Litzenburger, Edelgard Lösch, Berthold Mallmann, Erich Mang, Manfred Plathe, Regina Reim, Anneke Röhlke, Oliver Schollenberger, Brigitte Sommer und Pan Stein.


Einführung von Clemens Jöckle

Flächenland wurde als Titel der Ausstellung der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler nach der Einreichung und der Jurierung gewählt, als gemeinsamer Nenner und Resultat der Werke von 22 Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft. Vielerlei Assoziationen lassen sich unter diesem Begriff subsumieren. Da steht zunächst die Leinwand oder Malfläche als Bildträger vor Augen, welche ganz im Geiste Paul Cézannes als mit der Komposition zu bedeckende Fläche verstanden wird, "die das Auge nicht fixiert" und nicht mit einem illusionistischen Bildraum zu versehende Malerei.

Flächenland impliziert eine Gestaltung des nicht durch Rationalität zerstückelten Ganzen, des Sich-Öffnenwollens für archaische ebenso wie für mythische Erfahrungen. Man kann mit Worten von Wassily Kandinsky das neue Reich der Malerei, die Fläche als ideell ansehen, "um den Betrachter zu einer selbstvergessenen Auflösung im Bild zu zwingen, wie wenn man in eine Straße, die man nur vom Fenster beobachtet hat, selbst hineingeht." Damit zitiert Kandinsky Leon Battista Alberti, der 1435 die Raumwirkung auf einer Bildfläche als Blick durch ein Fenster bezeichnet hatte. Nur so kann man über die Malerei zum Wesentlichen vordringen, ohne dass der immer im Zuge informeller Malerei mitschwingende Vorwurf des Unverbindlichen aufkommen könnte. Das Ergebnis ist immer das Bild, das Fragen stellt und an das man Fragen stellen kann.

Flächenland zielt heute auf einen Paradigmenwechsel der Kunst hin, der so ganz anders verläuft als die Debatten um die Legitimität der informellen Bildaussage vor 50 Jahren. Das Bild ist keine "heilige Fläche" mehr, wie es Kurt Leonhard 1947 bezeichnet hatte. In tiefer Fortschrittsgläubigkeit meinte man vornehmlich unmittelbar nach 1945, das durch die Naturwissenschaften veränderte Weltbild nur in Kraftlinien und Feldern charakterisieren zu können, welche jedem sichtbaren Phänomen vorausgingen. Flächenland zu Beginn des 21. Jahrhundert bezieht ebenfalls Position und zwar eine durchaus streitbare Position, jenem panischen Idyll gegenüber, das so recht mit dem Etikett "Leipzig" versehen an den Hirtengott Pan und zugleich an Panik erinnert und die Provinz Arkadien mit dem großstädtischen Stallgeruch verbindet und in dieser figurativen, lustvoll ausgelebten malerischen Brillanz Erfolge, auch kommerzielle, feiert. Flächenland verbindet die Lust an der Malerei mit der malerischen Geste im Bandbereich von Rationalität und Emotionalität, die nie ins unverbindlich Ästhetische ausweicht. Da darf man auch mit dem Stichwort der Spiritualisierung sich der geforderten Zeitgenossenschaft stellen, Lichträume, Farbräume, das Spiel von Grund und Muster mit Spuren und Zeichen verbinden und Bindende Fesseln abstreifen.

Wenn die Künstler, welche sich an dieser Ausstellung beteiligt haben, die von Paul Cézanne herrührende Aussage, dass nur die Farben wahr sind, verinnerlicht haben, dann sind in dem Sinne Weltbilder entstanden, die trotz der der Pfalz unterstellten Italianitá eben nicht die Sehnsucht nach Arkadien thematisierten, sondern das Bild von der Welt sensibilisieren, indem über den malerischen Beitrag als Position zur Malerei zu neuen und ungeahnten Sichtweisen vorangeschritten wird. Der Künstler wird so zwar nicht zum Weltenschöpfer, aber doch zum Schöpfer seiner Bildwelten.

So steht in dieser Ausstellung die Diskontinuität im Vordergrund, die jede Einheitlichkeit in Frage gestellt hat. Für die Zusammenfassung der unterschiedlichsten Facetten und Sichtweisen auf die Welt bleibt als einzige Möglichkeit der Widerstreit, also Dissens statt Konsens, wie es der französische Philosoph Jean François Lyotard als "Durcharbeiten", als permanentes Redigieren der Positionen der Moderne empfiehlt. Daran arbeiten die Künstler in ihren Ateliers, den sanktionierten Freiräumen für permanente Verunsicherungen nach den eigenen Regeln in der Beachtung der eigenen Individualität. Das Resultat erweist sich, um Lyotard zu zitieren, anschaulich als radikale Pluralität.

So bleibt für die einzelnen hier unmittelbar niedergelegten Positionen die Feststellung Ludwig Wittgensteins, dass hier Raum für alle Dinge im Geiste gegeben ist, von denen man denken kann. Diese Allgemeinheit mag Kopfschmerzen verursachen, denn, wie sagte schon Willi Baumeister: "Kunst ist unbegrifflich und letzten Endes unbegreiflich". Begeben wir uns also ins Reich der tausendfältigen Sensationen, zu den Bildflächen, auf denen Künstler mit ihrer sensiblen seismographisch gefühlten Erregbarkeit ihre Weltbilder und ihre Weltanschauungen niedergelegt haben.