Vitae
Christine Fischer
 

Das Bild von Lebewesen, das Christine Fischer beschwört, reicht von archaischen Formen wie dem Einzeller bis zu skurrilen, komplexen, kopflosen Stoffkörpern. Man könnte aber auch ihre Naturvorstellung aus dem Mikrokosmos der Atome und Moleküle hin zu komplexen Lebensstrukturen verfolgen, denn manche der Zeichnungen erinnern an Sichtbarmachungen beispielsweise von Genen und DNA-Strängen. Irritationen rufen aber auch tumorartige Missbildungen hervor, die die Ängste des Menschen vor seiner eigenen Apokalypse zu thematisieren scheinen. Der Mensch als möglicher Verursacher der Missbildungen tritt zwar nicht auf, aber die schwerwiegenden Folgen seines Fehlverhaltens zeigen sich in Fischers Strukturzeichnungen und Plastiken. Sie setzt dabei Form gegen die Form, Material gegen die Materie und Erwartung gegen die Gestalt. Man könnte mit Kurt Schwitters sagen: "Ich baue den Rest dessen, was ein Hund für nagenswert gehalten hat nach den Regeln der Bewegung des Tieres wieder auf. Das ergibt kein Tierbild, sondern eine Plastik (...), die charakteristischerweise zwischen abstrakter und anthropomorpher Formgebung changiert." Tänzerische Bewegungen werden durch die ungeformte Leibesfülle der Wesen konterkariert. Überhaupt fällt auf, dass eine aufrechte Haltung der zoomorphen Formen wegen der Fragilität der Extremitäten nicht möglich ist. Die Gesichtslosigkeit der Gebilde, die wie biologische Präparate angelegten Zeichnungen mit Zellen-, Gitter- und Schwanzstrukturen geben sich naturwissenschaftlich objektiv, die Plastiken dagegen provozieren Widersprüchliches und sind Emmanationen einer im Inneren der Künstlerin verborgenen Eigenwelt. Sie ist nicht immer eindeutig und gibt sich vielmehr komplex, wie die Verwendung eigentlich poetischer Dimensionen versprechenden Verpackung der Plastiken wie Plüsch und Stoff zeigt. Dagegen steht die gegensätzliche Verwendung von Materialien wie Draht als Verband, der den Stoff verletzt statt zusammenfügt. Dies erinnert eher an eine Poesie des Schreckens. Die Wirkung der Oberfläche ist ins Gegenteil verwandelt. Nach der Kunsttheorie von Joseph Beuys sollen Stoffe schützen, bergen und Wärme transportieren. Bei Christine Fischer geschieht das Gegenteil: statt zu schützen und zu bergen, entblößen sie....

Monika Portenlänger