Vitae
Horst Steier
 

...Steiers Malerei ist farbenfroh und voller kleiner Überraschungen. Zarte und kräftige Farben schaffen einen Tiefenraum, in dem sich Kratzungen, Materialien verschiedenster Art und reliefartige Formen bewegen, die eine schier unglaubliche Vielfalt besitzen. Da wird mit Fliesenkleber, Ponal, Wachs, Mehl, Computerplatinen, und, und, und gearbeitet, gemalt, gezeichnet, nachbearbeitet und so entsteht ein kleinteiliger Bildkosmos, an dem man sich gar nicht satt sehen kann. Was sich zunächst als ein gewisses Chaos darstellt, ist natürlich auch Ordnungsprinzipien unterworfen. Beispielsweise die Farbigkeit. Bei Reisen nach Indien und hier insbesondere nach Ladakh hat Horst Steier die Welt des Buddhismus näher kennengelernt und seine Zuordnung der Farben von dort entlehnt. Das Gelb steht da für die Erde, das Weiß für Wasser, das Blau für den Kosmos. Und schon beginnt das Bild sich umzuformen, neue Ansichten zuzulassen. Wie im Kaleidoskop verschieben sich die Bilder, je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, respektive mit welcher Haltung man ihnen begegnet. Wie ein lebendiger Organismus unter einem Mikroskop erschließen sich die Arbeiten, changieren, verändern sich und wollen schließlich als das gesehen werden, was sie sind, nämlich als eine Malerei, die keine Denkverbote akzeptiert.

Die Grafiken, Tiefdrucke und Hochdrucke, Radierungen und Holzschnitte greifen auf das Formenrepertoire der Malerei zurück, im Holzschnitt naturgemäß in flächigeren Formen, die beinahe wie Tafeln mit Hieroglyphen wirken, eine fremde, unlesbare Sprache zeigen, die wir rein ästhetisch einordnen und schätzen können. Und tatsächlich finden sich hier Schriftzeichen, buddhistische Schriftzeichen, die jedoch nicht in ihrem semantischen Gehalt für die Arbeiten wichtig sind. Steier interessiert der formale Ausdruck dieser Zeichen, die kontrapunktisch zu den Flächen ihre visuelle Wirkung entfalten. Das Arbeiten mit Fundstücken, angerosteten Platten etwa, den bereits erwähnten Computerplatinen oder Computergehäusen, die zum Drucken und zu Prägungen benutzt werden, kommt im Wesentlichen den Radierungen zugute, die anschließend mit dem Pinsel farblich akzentuiert oder unikat nachbearbeitet werden. Wie Stadtlandschaften von oben gesehen wirkt das manchmal, aber auch ganz andere Assoziationen sind natürlich erlaubt. Innovative Techniken kommen hier zum Einsatz, die überraschend Resultate zeitigen - zur Freude des Betrachters...

Dr. Martin Stather (Kunstverein Mannheim)
Ausstellungseröffnung im Universitätsklinikum Mannheim am 18.08.2010